31. Juli 2005 - Predigt Pfr. Mathias Rissi Genesis 32,23-32

Jeremia 29,4-12 Realistischer Patriotismus (zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August))    Jer 29,4-11 55,10f

 

Der Brief des Propheten Jeremia an die ins babylonische Exil Abgeführten


So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

Baut Häuser und wohnt darin;
pflanzt Gärten und eßt ihre Früchte;

nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, daß sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, daß ihr nicht weniger werdet.
Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.


Denn so spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Laßt euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der Herr.

Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, daß ich euch wieder an diesen Ort bringe.

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

Jeremia 29,4-12
 

Liebe Gemeinde

 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mit fünf kam ich nach Zürich. Weil mich die Kamerädli im Kindergarten nicht verstanden, mußte ich Zürichdeutsch lernen, was mir aber gar nicht behagte, weil ich mich nie als ein Zürcher fühlte. Mit sechzehn habe ich dann das Zürichdeutsche bewußt verweigert. - Und heute feiert die Familie Rissi die Einbürgerung in die zürcherische Gemeinde Meilen. Wir bereuen nicht, daß wir uns ganz auf Meilen eingelassen haben, obwohl ich meine Wurzeln im St. Galler Rheintal nicht vergessen habe.

Der Brief Jeremias an sein Volk in der Verbannung ist ein eindringlicher Aufruf, sich der Gegenwart zu stellen:

Versöhnt euch mit eurem Leben und mit eurer Umgebung!

Baut Häuser und bewohnt sie, pflanzt Gärten und genießt die Früchte, sorgt um Nachwuchs, daß ihr nicht weniger werdet!

 

Das Selbstverständlichste ist offensichtlich nicht selbstverständlich! Daran hindern uns einerseits die Nostalgie und anderseits die Vertröstung auf die Zukunft.

Was bieten denn diese beiden Alternativen?

Zur Nostalgie: In meiner Jugend wurde die alte Schweizer Nationalhymne «Rufst du, mein Vaterland» abgelöst durch die provisorische neue, den Schweizerpsalm. Erinnern Sie sich noch an das Pathos von den Söhnen Helvetias, «froh noch im Todesstreich». Oder an den Älpler im Rütli-Lied: Ob dem Kriegsgeschrei im Tale stürzt sich hinab in die Schlacht. Da ist der Schweizerpsalm schon gesitteter: Betet, freie Schweizer, betet!

Das Pathos der Nationalhymnen ist uns verdächtig, inzwischen längst auch beim Schweizerpsalm. Wir trauen mehr auf friedensfördernde Maßnahmen, mehr auf Gerechtigkeit und Fairneß, als auf Stärke.

Der Patriotismus hat es nicht so leicht bei uns. Aber er ist wieder ein Thema: Stolz trägt man rote Leibchen mit Schweizerkreuz auf der Brust. Unser Patriotismus kann sich natürlich nicht mit dem amerikanischen messen. Der läßt nichts über das Land und seinen Präsidenten kommen, wie unbeliebt er auch sei. [1] 

Wir sind Schweizer, manchmal nur eben ein bißchen mehr und manchmal ein bißchen weniger. Wir können über uns und unsere Regierung lachen. Aber, bei aller Liebe zur Heimat, wir kennen auch den Gedanken: das kann's ja noch nicht sein.

 

Die ins Exil abgeführte Oberschicht der Beamten und Priester konnten sich auch nicht in ihre neue Lage schicken. Kein Wunder: Israel war doppelt verwüstet: die ferne Heimat und die eigene Seele!

An den Flüssen Babylons saßen sie und weinten, wenn sie des zerstörten Tempels gedachten.

Die Ultrafrommen sehnten sich zurück - und schauten vorwärts, weit vorwärts. Dies ist die andere Alternative. Nur zu gern hörten sie auf die Worte der Heilpropheten, die ihnen weismachten, das Exil sei nur von kurzer Dauer. Sie haben sich vertrösten lassen - nur um sich der Gegenwart nicht stellen zu müssen - ja, schlimmer: wer sich arrangierte und das Beste aus der Situation machen wollte, wurde als Verräter am Volk und am Glauben verachtet!

 

Sie wollten nicht in die Situation investieren, weil sie sich sagten, es lohnt sich nicht. «Wir arbeiten doch nicht bei den Babyloniern, unsern Feinden.» [2]

 

Gott selber aber handelt so: Jeremia ist der Zeuge für Gottes Leiden an und in dieser Welt.

Gott flüchtet sich nicht. Erlauben Sie den saloppen Satz: Es gibt für einen Gott wohl Angenehmeres, als ein Mensch zu sein. Trotzdem bezeugt das Evangelium: Sosehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. [3]

Jesus Christus ist dieses Ja Gottes zur Schöpfung in der Krise.

 

Darum ermutigt Jeremia: Ihr lebt jetzt hier. Richtet euch darauf ein. Das gilt vorläufig. Es lohnt sich, sich darauf einzurichten! Das Heil liegt im Alltag.

 

Richte dich ganz persönlich darauf ein! Das Heil liegt im Alltag.

Vielleicht fühlst du dich gar nicht ausgewogen und glücklich, leidest unter Mißerfolg oder Streit. Oder du hast ein Ziel verpaßt und bist an einem Ort in deinem Leben gelandet, wo du nie hinwolltest! Und richte dich ein als Volk und als Bewohner unseres Landes: Baut Häuser und bewohnt sie - wenigstens das muß man uns in Meilen nicht eigens sagen. Aber das andere kennen wir aus der jüngsten Zeit: Wenn die Krise da ist und niemand mehr investiert, dann geht es rasch bergab. Alles kommt ins Stocken und ein Volk verzichtet auf die Zukunft. Es stimmt mich zutiefst nachdenklich, wenn junge Leute sagen: «Das mit dem Heiraten ist erst aktuell, wenn man Kinder will. Wir aber wissen gar nicht, ob man in diese Welt hinein noch Kinder gebären soll.» Zu bedrohlich sind ihnen die Umweltverschmutzung, die Erderwärmung und die Energiefragen.

Jeremia erinnert mit seinem Gotteswort daran: Sucht der Stadt Bestes, dann geht es auch euch gut. Es geht nicht um Utopien, aber das Heil liegt im Alltag! Und: Betet für die Stadt und den Staat in dem ihr lebt!

 

Natürlich kennen wir Christen auch die andere Dimension der Hoffnung: Gottes Reich. Wir wissen: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir. [4]

So können wir geduldig ans Werk gehen, wie der Sämann im Gleichnis Jesu! Majestätisch schwingt er den Arm und wirft die Samenkörner aus. Er läßt sich nicht verrückt machen durch die Verluste - er weiß, daß die Saat aufgeht.

Amen


[1] Vor einiger Zeit erzählte ich einer befreundeten deutsch-amerikanischen Familie einen Witz, den ich vom Altbundesrat Furgler auf den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten «umbaute»: Wißt ihr warum er bei jedem Gewitter ins Freie stürzt, nein? - Wenn es blitzt, meint er, der liebe Gott wolle ihn fotografieren.
Die Kinder unserer Freunde platzten vor Lachen - der deutsche Vater ermahnte sie sogleich ganz streng: Das dürft ihr zuhause in den USA nicht erzählen... wir machen uns sonst unmöglich.

[2] Ähnliches sagten mir zwei Zeugen Jehovas, die mich einmal aufsuchten: «Wir deklarieren die Steuern exakt und fahren innerorts nie schneller als erlaubt - aber mehr geben wie dieser Welt nicht! Kein Einsatz für den Frieden oder gegen den Hunger! Denn diese Welt wird untergehen und wir wollen diesen notwendigen Untergang nicht noch hinauszögern.»

[3] Johannesevangelium 3,16

[4] Hebräerbrief 13,14   

Pfr. Mathias Rissi

 

Zum Predigtverzeichnis            Zur Hauptseite