Ufwindpredigt zum 2. Advent am Samstag, 7. Dezember 2002 - Pfr. Mathias Rissi

 

Jesaja 40,1-5

 

Liebe Gemeinde

 

Aus den Anfängen der versteckten Kamera stammt das Filmchen mit dem ferngesteuerten Flugzeug. Der Pilot fliegt mit der Maschine mühelos Loopings und Rollen. Dann drückt er einem Bewunderer die Steuerung in die Hand, der solle weitermachen, er müsse kurz austreten. Was der Gelegenheitspilot nicht weiß: das Flugzeug wird von einem andern Mann aus einem Versteck gelenkt. Wie nun das Flugzeug immer gefährlichere Figuren fliegt, bekommt der Gelegenheitspilot es mit der nackten Angst zu tun bis er schließlich schreit: «Söll emal cho!»

 

In eine viel tiefere Verzweiflung hinein spricht der Prophet das Gotteswort. Sie sind hoffnungslos, die Israeliten. Seit zwei Generationen sind sie im babylonischen Exil. Im Jahre 586 ist Jerusalem gefallen und liegt längst in Trümmern. Der Tempel ist eine Ruine – Die Menschen sind am Ende mit ihrem Latein. Aber in ihrer Sehnsucht haben sie festgehalten, daß Gott sie nicht im Stich lassen wird. Gott soll in Ordnung bringen, was unserer Kontrolle entglitten ist. Wie lange noch! Es wäre an der Zeit!!

 

Dunkel war es damals in der Welt, wie heute. In diese Welt hinein kommt die Botschaft des Jesaja: Tröstet, tröstet mein Volk!  Die Rettung kommt! Die dunkle Zeit neigt sich dem Ende zu!  

Diese Botschaft bedeutet: Rafft euch auf! Wartet nicht mit verschränkten Armen, sondern macht euch bereit: Bereitet dem Herrn den Weg! Woran ist da nicht alles zu denken: Räumt auf, räumt die Hindernisse aus dem Weg. Für gewöhnlich ist das Räumen doch eher eine mühselige Angelegenheit. Man kommt auf keinen grünen Zweig. Wie anders ist ein solches Räumen, wenn ein Ziel vor Augen steht: wenn sich z.B. ein Staat für den Besuch eines andern Staatsoberhauptes vorbereitet, oder alltäglicher, wenn wir uns auf einen lieben Besucher einstellen.
 

Wir leben im Advent – in einem vielfältigen Sinne.

In gut zwei Wochen ist Weihnachten. Der Advent ist eine Zeit der Erinnerung an das damalige Kommen des Erlösers. Es bedeutete für die Christenheit die Wende der Zeit. Wir zählen seither unsere Jahre von Christi Geburt an.
Aber er ist auch eine Zeit der Vergegenwärtigung, daß er, der einst gekommen ist, auch heute kommt und daß er einst kommen wird.
Advent, das sind darum nicht nur die vier Wochen vor Weihnachten.

 

Bereitet dem Herrn den Weg!  Das ist eine große Aufgabe: Dazu gehören die Begriffe Gottes Reich, Gerechtigkeit, Versöhnung. Was können wir tun? – Gewiß was wir immer getan haben, das sollen wir tun, sofern es zum Kommen paßt. Aber unser Elan droht zu erlahmen und zu schwinden. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, im Wartsaal der Heilsgeschichte Gottes zu leben.

Es ist gewiß richtig, an der Verheißung der Heiligen Schrift festzuhalten, daß Gott seine Schöpfung erneuert und einst vollenden wird.

Aber dann beschäftigt uns die Frage: Wann und wie kommt er? Es ist wie so oft bei Gott: Die Verheißungen erfüllen sich ganz anders, als erwartet. Bei Jesaja im Exil da konnte das Volk kurze Jahre darauf, aus der Gefangenschaft befreit, sein Jerusalem wieder aufbauen. Aber es merkte bald: das ist noch nicht das Heil. Später hat Johannes der Täufer gepredigt: Das Gottesreich ist nahe herbeigekommen! Bereitet dem Herrn den Weg! (Mt 3, 2-3) Und wieder ist er gekommen, aber anders als die Menschen ihn erwarteten: Nicht mit Prunk und Gewalt! – sondern in der Krippe und am Kreuz. Und er hat der Menschheit die Erlösung und das Heil gebracht.

 

Das eine jedoch bleibt: Bereitet dem Herrn den Weg!  Und es gibt sie, die Wegbereiter, die mehr als nur kleine Schritte getan haben. Im Religionsunterricht haben wir in den vergangenen Wochen Martin Luther King und seine eindrücklichen Worte und Taten betrachtet. Er wußte: Nur Lösungen, bei welchen beide Parteien Gewinner sind, passen zum Gottesreich. (Die Manager von heute bezeichnen das als «Win-win»-Lösung.) Welch große Taten geschahen damals! Wie klein nehmen sich verglichen mit ihm unsere Hoffnung und unsere Taten aus.

 

Aber denk nicht: ich kann nichts tun, nichts ändern. Es gibt durchaus praktische Schritte und ein Räumen, sozusagen ein Wischen vor der eigenen Tür: Ich fragte die Schüler: «Was könnt ihr mit der Botschaft und dem Vorbild von King anfangen?» – Schulterzucken. – «Habt ihr Bruder oder Schwester und gelegentlich Streit?» Da huschte ein Lächeln durch das Klassenzimmer. In den Beziehungen unter Geschwistern, Ehepartnern, Nachbarn gibt es viele Fälle, die auf eine «Win-win»-Lösung warten.

Und noch etwas: Seit neustem gibt es in Meilen die Spezialrayons für Asylanten, eine landesweite Besonderheit. Ich weiß nicht welche schlimmen Erfahrungen zu den Maßnahmen geführt haben. Sie sind gewiß auch in der besten Absicht geplant worden. Ist das die Leitkultur, welche in unserm nördlichen Nachbarland beschworen wurde. Aber wenn wir uns als Wegbereiter des Gottesreiches herausgefordert fühlen, können wir dazu einfach schweigen, wenn Menschen so ausgesondert werden? Ist diese harte Maßnahme die richtige und verhältnismäßige Lösung eines allfälligen Problems?

 

Wie sähe wohl die Welt aus, wenn nicht in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder Menschen voll Vertrauen dem Herrn den Weg bereitet hätten. Unsere Geschichte der Demokratie, Wohlfahrt, Gleichberechtigung, Bildung, Aufklärung und Solidarität ist entscheidend geprägt, ja ermöglicht worden durch die Visionen des Gottesreiches. Daß die Menschen gleich seien, das konnte man vor bald 2000 Jahren im Neuen Testament lesen, und nirgends sonst.

 

Er ist gekommen! Er kommt neu! Die ersten Christen hatten erwartet, daß Jesus Christus gleich wiederkäme. Jene Vorstellung war eine Täuschung. Wir wissen nicht, wie und wann das ist oder sein wird. Wenn wir eins gelernt haben in den vergangenen 2000 Jahren, dann hoffentlich dies: Die Erwartung der Vollendung ist nicht ein Motiv für unseren Neugierde. Vielmehr soll der gegenwärtige Christus uns beflügeln, damit wir mit noch mehr Geduld und langem Atem den Weg bereiten. Er kommt zu dir und mir – darum «wolln wir uns gerne wagen» (RG 811): Der Glaube an den Kommenden setzt Energie frei. Was wir als Wegbereiter tun, ist ein Zeichen des Gottesreiches, das in dieser Welt sichtbar werden will. Es gibt Wege genug, welche es zu begradigen, und Abgründe, welche es aufzufüllen gilt.

 

Eins dürfen wir schließlich voller Freude bekennen und festhalten: Unsere Augen sehen wohl viel Dunkel und Machtlosigkeit. Aber die Augen des Advents eröffnen uns einen andern Horizont. Wir sind gewiß: Christus wird nicht erst einst kommen, sondern er ist schon heute in dieser zwiespältigen Gegenwart da!

Ist dieser Glaube nicht ein Wunder und eine Freude! Wir nehmen mit ihm dankbar wahr, wie sich in unserem Leben Gottes Heil ereignet. Wir entdecken täglich voller Freude die Möglichkeiten und Talente, die er uns ins Leben gelegt hat. Und wir sind nicht allein! In der Gemeinde teilen wir die Freude und Hoffnung, daß Er kommt –  auch heute. Aufzubrechen und ihm entgegen zu gehen, das ist der Part, den der Herr uns ausersehen hat: Bereitet dem Herrn den Weg.

 

Gebet
Herr, wir danken dir für dein Kommen.

Sei du auch jetzt in dieser Adventszeit bei uns.

Komm in deine arme, kalte Welt,

daß wir mit dir rechnen und deine Gegenwart wahrnehmen.

Mache uns im Glauben und in der Tat stark und phantasievoll.

Erfülle uns mit Geduld und Liebe, daß unser Leben für die Menschen um uns herum deine Spuren sichtbar macht.
Amen

 

Pfr. Mathias Rissi

 

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