»Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe…«  Johannes 10,11-18

Predigt von Pfr. Mathias Rissi in Meilen ZH
am Sonntag Misericordias Domini, 10. April 2005

Liebe Gemeinde

 

Nein, nein, keine Angst – es geht in der heutigen Predigt nicht um den verstorbenen katholischen Menschenhirten, Johannes Paul II, der vor einer Woche starb. Als Reformierte sehen wir die Sache sowieso etwas anders als die Millionen, die Richtung Rom gepilgert sind oder nicht vom Fernseher loskamen. Aber es fällt uns auf, daß ganz offensichtlich die Menschen aufblicken wollen zu einem Hirten. Alle Welt sucht Vorbilder, um sie zu verehren: im Sport, wo sie Jugend, Kraft und Gesundheit verkörpern, oder in der verhaltenen Noblesse der britischen Royals (die gestern eine Hochzeit feierten), oder bei den C-Promis und manchmal auch bei Kirchenleuten.

 

Im Blick auf die religiösen Vorbilder erstaunt es mich, wie kritiklos z.B. dem Dalai-Lama hierzulande begegnet wird[1]. Er tritt gegen außen so tibetanisch freundlich auf, aber innerhalb seiner Religionsgemeinschaft ist er ein unduldsamer, gestrenger Regent.

Auch beim Papst ist die Kritik fast gänzlich verstummt. Man erinnert sich seiner intensiv gepflegten Zuneigung zu den Menschen und Völkern der Erde und blendet dann aus, daß unsere katholischen Geschwister nicht mit uns Abendmahl feiern dürfen und daß Verhütung trotz der Ausbreitung von AIDS nicht im Sinne der römischen Kirche sei.

Vorbilder werden eben gerne bejubelt und Schattenseiten verdrängt.

 

Es ist darum gut, wenn wir uns dem Jesuswort vom guten Hirten ganz direkt zuwenden. Hier liegt aber Einiges quer.

 

Zuerst das Hirtenidyll. Vor zwei-, dreihundert Jahren war Arkadien als Hirtenlandschaft das Lieblingsmotiv der Dichter. Mit Hirten, die unter Bäumen lieblich Flöte spielten und mit den Hirtinnen schäkerten.

Auch in der Christenheit der gute Hirte zählt zu den ältesten Bildmotiven: z.B. als Gemälde in der ältesten bekannten christlichen Kirche, der Hauskirche  von Dura Europos[2] aus dem Jahre 230 n. Chr. Ich erinnere mich an den milden guten Hirten mit dem Schaf auf der Schulter im Schlafzimmer meiner längst verstorbenen Großeltern. – Wir müssen uns allerdings bewußt werden, daß das Jesuswort alles andere als ein Idyll beschreibt. Der Beruf des Hirten war damals hart, anstrengend und gefährlich. Es ging für sie ums Überleben, um Nahrungssuche, darum, dass die anvertrauten Tiere gesund blieben. Tödliche Gefahren, es konnten Tiere an Karnkheiten oder den Wolf verloren gehen. So konnte viel Schweres den Hirten bei der Arbeit allen Mut rauben. - Ist so gesehen das Bild vom Hirten wirklich attraktiv?

 

Damit sind wir beim zweiten Punkt. Es ist gewiß nicht nur einmal vorgekommen, daß nach dem Rollenverteilen fürs Krippenspiel ein Kind zuhause meldete: »Ich wäre am liebsten ein Engel geworden, aber ich bin ein Schaf.« Tatsächlich, unsere Rolle ist die des Schafes mit dem Wunsch nach Geborgenheit, der Sehnsucht nach Frieden und Anerkennung. Bei aller großartigen persönlichen Besonderheit sind wir eben doch Teil einer Herde, und sehnen uns danach, daß wir trotz der großen Masse nicht einfach unbedeutend sind. Ist das Bild von den Schafen beim Hirten wirklich attraktiv?

 

Manchmal kann man auch in der Schweiz noch eine Schafherde antreffen. So war das öfter, als ich noch im Zürcher Unterland wohnte auf den großen Wiesen rund um den Flughafen. Da sah ich erst nur die Schafe. - Da muß doch auch ein Hirt sein - richtig, wer genug lang sucht, entdeckt ihn dann auch. Und damit kommen wir zum dritten querliegenden Gedanken: zum Hirten selbst.

Die Bibel spricht oft von Hirten: in den Psalmen [3] und von den unzuverlässigen Hirten: den Königen und Priestern, die das Volk nicht recht führten [4],  im Gleichnis vom verlorenen Schaf [5] und eben in unserem »Ich bin«-Wort Jesu – um nur einige zu nennen. Und das erste und wichtigste, das über diesen guten Hirten gesagt ist: Er läßt sein Leben für die Schafe!

Gerade hier zeigt sich, wer ein rechter Hirt ist. Ein Hirt Sein ist keine romantische Sache, sondern es wird todernst. Wenn es brenzlig wird, nimmt der Mietling (der Unterhirt) Reißaus. Aber der Hirt – er stellt sich dem Wolf entgegen! Er denkt an die Schafe, statt gleich seine eigene Haut zu retten.

Wir haben noch den Psalmvers in den Ohren: »Und ob ich schon wanderte… ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir!« Das ist der Hirt, den wir kennen. Er kennt uns und wir kennen ihn! Bei ihm gehen wir nicht verloren! Nicht einmal im finstern Tal. Dafür hat er sein Leben gegeben, daß wir gewiß sind, es gibt kein finsteres Tal, vor dem er kneifen würde. Und weiter: der Auferstandene gibt auch im finsteren Tal den Durchblick ins Leben!

Daß Jesus Christus als dieser gute Hirt einsteht für seine Menschen und den Zorn und "die Sünde" selbst auf sich zieht das predigen ungezählte Geschichten in den Evangelien, so ganz deutlich z.B. Johannes 8 mit der Ehebrecherin. Jesus opfert sich für sie auf und schenkt ihr Leben, während seine Widersacher ihn dann dafür kreuzigen lassen wollen. Dieses Opfer Christi  ist eine ganz zentrale und zutiefst tröstliche Botschaft des Evangeliums.[6]   

 

Jesus kneift nicht, wir aber sind einfach nur Menschen. Wir wissen, wie gefährdet die edle Menschlichkeit ist. Wir wissen, wie oft Menschen kneifen und abhauen wie ein Mietling, wenn es brenzlig wird. Wir wissen, daß wir Menschen sind, die sich in Nächstenliebe fortwährend üben müssen, weil sie nicht zur Vollendung gelangt sind. Gerade darum trotzen wir den Modeströmungen und verzichten wir niemals auf diesen Hirten, der sich nicht zu schade ist, sich für seine Herde zu opfern! Er gibt uns erst den Freiraum. Das Vertrauen auf ihn weckt in uns Vertrauen, der Macht der Versöhnung und der Liebe mehr zuzutrauen, als der Macht der Gewalt.

 

Kommen wir schließlich auf die Feststellung vom Anfang zurück: Was haben wir Reformierte zu bieten, wenn alles nach einem sichtbaren Hirten lechzt?

 

Es ist interessant, daß die Berufsbezeichnungen Pfarrer und Pastor ganz bei dieser Geschichte angesiedelt sind: ganz einfach Pastor heißt lateinisch Hirt, und Pfarrer hängt mit Pferch zusammen, eben jenem eingefriedeten Gelände. Hoffentlich tun wir, Pfarrerin und Pfarrer von Meilen Ihnen diesen Dienst (ohne beengendes Zusammenpferchen).

Nun haben aber vor fünfhundert Jahren schon die Menschen gemerkt, daß Christus uns zutraut, daß wir alle füreinander solche Hirten sind: Als Eltern für die Kinder, später kehrt sich dieses Verhältnis oft um, wenn die Jungen für die Alten sorgen. Für manche wird es wirksam in der Verantwortung für anvertraute Menschen im Beruf, im hilfreichen Ratschlagen unter Freunden oder  im Gespräch über Fragen des Glaubens. In unserem Hirte- und Hirtinsein weisen wir so ganz direkt auf den einen Hirten hin.

 

Jesus spricht uns darum heute zu, daß er unser guter Hirte ist und weiß was wir brauchen. Und daß er uns seine Versöhnung und sein gekreuzigtes und auferstandenes Leben schenkt, damit wir aus seiner Kraft das Leben wagen können.

Amen


 

[1] Kaum zu glauben: An einer Veranstaltung der Universität Zürich wurde er von den Gastgebern als »Boddhisattva« begrüßt (ein inkarniertes göttliches Wesen, das sich freiwillig nochmals in eine menschliche Gestalt hinein begibt, um allen erlösungsbedürftigen Menschen zu helfen)…

[2] Im ostsyrischen Dura Europos wurde 1930/31 eine Hauskirche entdeckt – die früheste bekannte Hauskirche. Bemerkenswert ist auch ihre Ausmalung, welche Kinderzeichnungen nicht unähnlich ist. Motive u.a. Adam und Eva, die Frauen am Grabe, die samaritanische Frau, Jesu Seewandel mit dem sinkenden Petrus, die Heilung des Gichtbrüchigen und eben der gute Hirt (beim Taufbecken).

[3] Psalm 100 und Psalm 23

[4] Ezechiel 34

[5] Lukas 15

[6] Mit großem Befremden habe ich von der Auseinandersetzung um die Opfertheologie in der Zürcher Kirche gelesen: Jemand schlägt ein Moratorium vor. So wie seinerzeit bei den Atomkraftwerken soll eine Denkpause eingeleitet werden und fünfzig Jahre lang (!) darauf verzichtet werden, von Christi Opfer zu sprechen. Zu oft sei der Opfergedanke mißbraucht worden, um Menschen niederzudrücken. Ich will diesen Mißbrauch nicht bestreiten, aber ich stelle fest, daß wer so spricht, nicht bedenkt, daß auch in der Bibel die Bedeutung des Opfers Christi durchaus verschieden verstanden wird. Was aber, wenn darüber gar nicht mehr gesprochen wird? Wenn das fehlt, daß Christus für uns einsteht, dann wird aus dem Glauben eine heillose Haurückübung. Ja was bleibt denn da noch? Eine nette, religiöse Philosophie der Nächstenliebe und der edlen Menschen. -  So stand es in der Presse. Dabei wurde relativ salopp über die Referate berichtet. In der Verkürzung kam einiges zu kurz.

Pfr. Mathias Rissi

 

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