11. Januar 2014   Johannes 1,1-5;14;16   -  Pfr. Mathias Rissi   Joh 1,1-5;14;16

Der Neue Abendgottesdienst: Im Anfang war der Urknall - oder?

 

Im Anfang war das Wort, der Logos,

und der Logos war bei Gott,

und von Gottes Wesen war der Logos.

Dieser war im Anfang bei Gott.

Alles ist durch ihn geworden,

und ohne ihn ist auch nicht eines geworden,

das geworden ist.

In ihm war Leben,

und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis,

und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch

und wohnte unter uns,

und wir schauten seine Herrlichkeit,

eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat,

voller Gnade und Wahrheit.

Aus seiner Fülle

haben wir ja alle empfangen,

Gnade um Gnade.                    Johannes 1,1-5;14;16 (Übersetzung: Neue Zürcherbibel)

 

 

 

Liebe Gemeinde

Ganz verschieden haben die Evangelisten ihre Evangelien angefangen: Markus prosaisch: »Anfang des Evangeliums von Jesus Christus«, Matthäus mit dem spröden Stammbaum Jesu, der erst dem Kenner sich öffnet, Lukas  mit der Vorgeschichte zur Geburt in Bethlehem und Johannes eben mit seinen paukenschlagähnlichen Sätzen die an die Schöpfung anknüpfen.

Doch gehen wir zuerst zu den kleinen Anfängen des Lebens. Erinnern Sie sich noch, wie es war, als Sie in der Schule ein neues Heft bekamen, oder dann das erste Velo, ein neues Auto… Jedesmal eine Chance, neu zu beginnen, und das Alte hinter sich zu lassen. Kein Wunder formulierte Herrmann Hesse in seinem Gedicht »Stufen« die berühmten Zeilen:

»Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.«

Hesse dachte gewiß an die Vorfreude und Hoffnung, die am Anfang stehen.

Aber der Volksmund weiß auch vom Seufzer: Aller Anfang ist schwer! Das bleibt die Herausforderung jedes Anfangs vom Lernen die Schuhe zu binden, über die Schule, Stellenwechsel und Umzüge. Und es ist immer hart, wenn andere einem »Anfänger!« sagen. Wer ist schon gerne ein Anfänger! Aber wir kommen nicht davon los, und sei es nur am PC beim Einüben ins Windows 8.1 nach über einem Jahrzehnt Windows XP.

Oder ich denke an meine Mutter, die ihr Leben lang nie allein gelebt hat und jetzt nach dem Tode meines Vaters nochmals umziehen muss und lernen, allein zu leben..
Und Anfänger in der Nachfolge Christi sind wir beileibe und wären lieber Fortgeschrittene oder Experten. Wie schwer ist es, mit der Versöhnung anzufangen, wenn in Beruf oder Beziehung schon lange das Vertrauen verspielt ist.

Ja,  es gibt Momente, wo es ganz klar ist: Noch mal von vorn anzufangen, wäre schön – aber wir können oder wollen das gar nicht immer. Und ganz von vorn beginnen, das kann niemand.

Da sagt uns das Bibelwort: keine Bange: der Anfang ist schon gemacht! Und erst noch gut gemacht! Der Anfang ist nicht eben Menschensache sondern Gottessache! Den Anfang hat Gott gemacht, bevor wir geboren wurden. Bevor es unser Land gab, bevor die Erde entstand, bevor die Galaxien wurden.

Gott macht den Anfang: noch vor der Schöpfung. Gottes schöpferisches Wort, sein Machtwort geht der Materie voraus.

Aber was ist nun mit den Naturwissenschaften und ihren Theorien? Wir wollen nicht verschweigen, daß die einfacheren Gemüter unter den Naturwissenschaftlern gerne einen Gegensatz zwischen ihrer »exakten« Wissenschaft und den Aussagen der Bibel konstruieren.

Es ist gewiß wahr, daß die Menschheit im Laufe der Zeit ihr Wissen verfeinert und immer noch bessere Theorien zur Entstehung und Entwicklung des Universums und der Menschen entdeckt hat. Die Theorien von Urknall und Evolution sind sehr hilfreiche Sichtweisen und aktuell das beste, das wir haben. Seien wir froh und dankbar dafür.

Aber wir wollen aufpassen und nicht gegeneinander ausspielen, was nicht vergleichbar ist. Wie dumm dieser Kampf zwischen Kreationisten und Evolutionisten ist, zeigt sich in den USA, wenn es darum geht, ob im Schulunterricht die Evolutionslehre oder der biblische Schöpfungsbericht gelehrt werden soll.

Da kann es nur Verlierer geben: Wer der Bibel zuliebe meint, den Verstand abschalten zu müssen, verliert die Bodenhaftung. Und wer der Naturwissenschaft zuliebe den Glauben disqualifiziert, dem fehlt vor lauter Sachlichkeit das Herz und der Sinn.
Der Johannesprolog zeigt doch dies ganz deutlich. Der Logos ist der Hintergrund und bringt sozusagen die Überschrift über die ganze Schöpfung:

Das Wort war bei Gott und von Gottes Wesen war das Wort. Er spricht und es wird!

Daß sich wissenschaftliche Einsichten verändern und vertiefen können, finden wir ja auch schon in der Bibel. In Genesis 1 haben die Israeliten das damals moderne Weltbild der Babylonier von den Mythen des Götterkampfes befreit. Sie haben ihn verwandt, um den Schöpfer zu bekennen, der mächtig durch sein Wort die Welt ins Leben ruft. Mit diesem Bericht haben die Israeliten den andern, viel älteren Bericht in Genesis 2 überholt, wo Gottes Schöpfung mit dem Pflanzen eines Gartens in der Wüste verglichen wurde. – Die Israeliten hat es damals nicht gestört, daß der Mensch im jüngeren Bericht als letztes Schöpfungswerk, sozusagen als Krone der Schöpfung ins Leben gerufen wurde, während im älteren Bericht Gott den Adam aus Erde formte, noch bevor die Tiere geschaffen wurden. Die Israeliten konnten beide Berichte getrost nebeneinander stehen lassen. Denn es war schon immer klar, daß man gescheiter werden kann. Was gleich bleibt, ist das Bekenntnis, daß Gott der Schöpfer ist und den Menschen in eine partnerschaftliche Verantwortung für die Schöpfung ruft. Es ist das Selbstverständnis der Wissenschaften, daß sie sich auf das Beschreiben des Was, Wann, Wie, Wielange etc., eben nach dem Meßbaren beschränken mußten. Nun hat aber jedes Ding auch die andere Seite. Da lassen uns die Naturwissenschaftler im Stick. Sie können nicht weiter zurückforschen als zum Urknall. Also wenn wir salopp fragen: »Wer hat denn die Lunte zum Urknall entzündet?« zucken sie mit den Schultern. Deshalb muss der Glaube nach dem Woher, Warum und Wozu fragen, also nach Ursprung, Sinn und Ziel. Wir tun gut daran, das nicht zu mischen: Die naturwissenschaftliche Sichtweise ist nicht der Gegenstand des Glaubens, genausowenig wie anderseits die Frage nach Ursprung, Sinn und Ziel des Universums Gegenstand der naturwissenschaftlichen Forschung ist. Wir tun gut daran diese beiden Ebenen des Fragen, die uns Menschen zu Mensch machen zu integrieren, damit wir denkend glauben und glaubend denken. Wir sehen uns heute genau so herausgefordert, wie die Menschen damals: Heute ist weder das nomadische noch das babylonische Weltbild auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern der Urknall und die Evolutionstheorie. Aber genauso sind wir gefragt: Halten wir alles für einen sinnlosen Zufall, oder erkennen wir hinter dem großartigen Universum in Makro- und Mikrokosmos den wunderbaren Schöpfer? Unter den Naturwissenschaftlern sind beide Varianten vertreten.

Johannes blickt zurück auf den jüngeren Schöpfungsbericht in Genesis 1. Gott ruft aus dem Nichts die Welten, er spricht sein Schöpferwort. Aber, was für ein Wort! Nicht nur, daß Gott selber diese Logos ist: Christus ist der Logos, das Wort. Johannes erinnert uns daran: Christus ist von Anfang an da - Schon im »Es werde«1 Christus ist älter, als die Kenntnis, die wir von ihm haben. Sein Eintreten für die Schöpfung umfaßt nicht nur seine dreißig Jahre irdische Lebenszeit vor 2000 Jahren. Wir Theologen sprechen von der Präexistenz Christi im Logos. – So haben wir wenigstens einen Namen für die Sache die unseren Verstand doch übersteigt. – Alles ist durch ihn geworden: Die Galaxien, aber auch Du und ich! Das ist Gottes Wille und Wort. Weil eben Christus von Anfang an das Gotteswort ist, darum scheint das Licht Gottes den Menschen.

Eigenartig –  Mauern des Widerstandes stellen sich diesem Logos und seinem Licht entgegen. Nicht einmal die Seinen nehmen ihn an. Sie sehen das Licht – und erfassen es nicht! Sie wissen es – und nehmen es nicht an!

Aber Gott nimmt das nicht hin. Gottes Liebe gibt nicht nach: Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns. Das griechische eskhnwsen (eskänosen)  heißt im Wortlaut übersetzt »zeltete« und erinnert uns ans Campieren. Ja, der Logos hat den Himmel verlassen, um mit seinen Menschen das einfache Leben in Vergänglichkeit zu teilen. Der Logos wurde Fleisch! – ausgerechnet »Fleisch« der Ort, wo wir Menschen dem Licht und Leben den größten Widerstand entgegensetzen! Ausgerechnet Fleisch: Wo doch alle andern Religionen versuchen, den Menschen vom fleischlichen Leben zu abzubringen und zu vergöttlichen! Aber der Logos nimmt voll und ganz Anteil an Todesangst und am Todesschicksal des Menschen.

Aller Anfang ist schwer? – Gott hat den Anfang gemacht, weil er so schwer ist! Und Gott wird die Welt nicht mehr loslassen. Christus ist Alpha und Omega. Anfang und Vollendung!2

Ob wir's begreifen und erfassen oder nicht - es gilt gleichwohl: Das Licht scheint! Ein Majestätisches Erbarmen geht durch die Welt. Allen Hindernissen zum Trotz: es leuchtet durch das ganze Evangelium hindurch. Selbst da, wo nichts von Herrlichkeit mehr zu sehen ist, gerade im Leid des Kreuzes, eben genau da zeltet der Logos, Christus, mit den Menschen. Das ermutigt uns in den Dunkelheiten des Lebens mit ihm zu rechnen und Trost zu empfangen.

Gott macht auch für uns den Anfang: Aus seiner Fülle haben wir ja alle empfangen, Gnade um Gnade.

Aller Anfang ist schwer? Aber der Anfang ist gemacht. Deshalb dürfen wir fröhlich in Anspruch nehmen, Anfänger zu sein! Und wenn uns jemand bemitleidet: Du und ich dürfen uns selbstverständlich darauf berufen, daß wir Anfängerinnen und Anfänger sind. Wir sind dabei in bester Gesellschaft: Der große Theologe Karl Barth sagte ausgerechnet in seiner letzten Vorlesung, Theologie zu betreiben heiße, mit dem Anfang immer neu anzufangen.

Wir wissen jetzt, was er meinte: mit dem Anfang anfangen, mit dem Logos anfangen, immer neu anfangen mit Gott, mit Christus.

Und mit ihm hineingehen in die Herausforderungen des Lebens: Gesundheit und Krankheit, Alter oder Jugend, Beziehung und Arbeit. Ist das nicht wunderbar: Gott gibt uns täglich den Neuanfang in Christus, Er ist da, er ermutigt, er vergibt! So wollen wir den Neuanfang wagen und ihn auch unseren Mitmenschen zugestehen – wir müssen den Anfang ja nicht allein bewältigen. Paulus schreibt: Alles vermag ich durch den, der mir die Kraft dazu gibt, Christus.3

Amen


 

[1] Den präexistenten Christus bekennen u.a. auch: Römer 8,3; Philipper 2,6; Kolosser 1,15ff, um nur einige zu nennen.

[2] Offenbarung 21,6

[3] Philipper 4,13

Übrigens: ein sympathisches Gedicht von Artur Beul zu diesem Thema: http://www.arturbeul.ch/archives/238
 

Pfr. Mathias Rissi

 

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