Predigt am Karfreitag, 14. April 2017 in Niederweningen

Pfr. Mathias Rissi

 

Markus 15,33-41

 

Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, eloi, lema sabachtani!, das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Und einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija! Da lief einer hin, tränkte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken, und er sagte: Lasst mich, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt. Da stiess Jesus einen lauten Schrei aus und verschied. Und der Vorhang im Tempel riss entzwei von oben bis unten.
Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüberstand, ihn so sterben sah, sagte er: Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn!

Es waren aber auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und des Jose, und Salome, die ihm gefolgt waren und ihn unterstützt hatten, als er in Galiläa war, und noch viele andere Frauen, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.   

 

Liebe Gemeinde

Karfreitag, den kennen wir – der gehört eben zum christlichen Glauben, so wie die andern Eckpunkte. An Weihnachten gedenken wir der Menschwerdung Gottes, am Karfreitag steht der Tod Christi in der Mitte und zu Ostern mit Auferstehung der Sieg Gottes über den Tod.
So feiern wir sie Jahr um Jahr und haben doch eigentlich der Eindruck, alles Nötige zu wissen.
Nun will uns der Evangelist Markus mit seinem ganz schlichten Bericht dazu helfen, uns heute wieder neu dem Karfreitagsgeschehen zuzuwenden.
Wir spüren etwas davon, daß das Markusevangelium das älteste ist. Er und seine Gemeinde tasten sich an den Karfreitag heran. Die Dogmatik ist noch nicht in Stein gehauen. Er überliefert uns weniger, als seine späteren Kollegen. Er versucht zaghaft das Geheimnis Jesu und seines Todes zu fassen. Viele Details fehlen bei Markus. Sein Passionsbericht noch nichts davon weiß, daß Jesus bei der Verhaftung dem Knecht das abgehauene Ohr wieder heilte, geschweige denn, daß der Knecht Malchus hieß – und so ist es auch bei der Kreuzigung: Viel Wunderbares und Merkwürdiges, das die späteren Evangelisten erwähnen fehlt bei ihm, als Jesus stirbt: kein Erdbeben, keine Gräber, die sich öffnen, keine Totenauferweckungen zur Todesstunde Jesu.

Mit dem Tod Jesu kommt Markus zum Ziel seines »Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes« (Markus 1,1).
Es ist ihm um Gottes Passion für die Menschen gegangen. Wir übersetzen Passion meist mit Leiden. Mindestens gleich gut jedoch wäre zu sagen: Leidenschaft.
Vergessen wir nicht: Jesus ist nicht nur das Opfer in dieser Leidensgeschichte, denn er hat seinen Weg zum Leiden nach Jerusalem bewußt beschritten und hat es seinen Jüngern gesagt. Seine Passion ist Leiden UND Leidenschaft für die Menschen und für das Leben. Darum begibt Gott sich hinein in die letzte Verlassenheit am Kreuz und im Sterben. Erst hier wird faßbar, wer Jesus wirklich ist.
Markus weiss das. Deshalb hat er sein Evangelium ganz bewusst daraufhin aufgebaut. Das Kennzeichen ist das sogenannte „Messiasgeheimnis“: So erwähnt der Evangelist Markus bei jeder Heilungsgeschichte, dass Jesus verbot, weiterzusagen, dass der kranke Mensch durch ihn geheilt worden war. Erst nachdem im 9. Kapitel Jesus seinen Jüngern erklärt hat, dass sein Weg nach Jerusalem und in den gewaltvollen Tod führt, entfällt dieses Verbot.

Jesus nur als Heilender - das greift zu kurz!
Jesus nur als begabter Redner, der gelegentlich den Schriftgelehrten das Maul stopft – auch das greift zu kurz. Jesus als vorbildlicher Mensch für alle Zeiten und Generationen – nocheinmal: das greift zu kurz.
Markus will, daß uns dies bis in die letzte Faser hinein durchdringt: erst hier in der letzten und schlimmsten Gottverlassenheit können wir Jesus zu verstehen beginnen. Können wir verstehen, daß sein Heil grenzenlos ist und sogar in die Gottverlassenheit des Todes eindringt.
Eine Ahnung davon hatten schon die Menschen des Alten Testamentes. Wie sollten wir sonst einen Vers verstehen wie »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich?«  Was das Bild vom Hirten im Psalm 23 so poetisch ausdrückt, es nimmt hier bei Markus im sterbenden Jesus Christus Gestalt an. Gott geht im Tode voran, wo kein Mensch mehr andere begleiten und führen kann.
Seither sind wir Menschen selbst im Tode nicht mehr von Gott verlassen.

Zwei Hinweise im Markusbericht verstärken und veranschaulichen diese Botschaft.
Da ist das Wort des Hauptmanns: »Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.« Das fällt auf, besonders weil wir gemerkt haben, wie bewußt Markus sein Evangelium gestaltet hat. Der Begriff Gottes Sohn kommt bei ihm nur viermal vor
(1,1; 3,11; 5,7; 15,39!):  Am Anfang im Titel des Evangeliums und dann noch zweimal, als ausgetriebene Dämonen Jesus so bezeichnen, und hier am Schluß als erstmals ein Mensch Jesus als Gottes Sohn bekennt. Der römische Hauptmann hat wohl schon viele ans Kreuz binden oder nageln lassen. Ausgerechnet hier offenbart sich ihm Gott. Der Tod Jesu offenbart Gott. Daß ein Heide dieses Bekenntnis ausspricht, dürfen wir so verstehen, daß dieser Tod auch gleichzeitig die Tür zur Völkerwelt geöffnet hat.
Die zweite Besonderheit ist das Reißen des Vorhangs im Tempel. Dieser Vorhang wurde 40 Jahre später wirklich aus dem Tempel gerissen. Als die Römer einen jüdischen Aufstand niederschlugen und Jerusalem samt Tempel zerstörten, da führten sie den Vorhang in ihrem Triumphzug mit. Für uns Christen ist der zerrissene Vorhang ein starkes Symbol. Gott verbirgt sich nicht mehr im Allerheiligsten des Tempels und ist nicht mehr nur für besonders geweihte Menschen zugänglich. Christus hat das dem Allerheiligsten verlassen und ist in unser Leben hineingekommen. Nichts trennt uns seither mehr von seiner Leidenschaft für uns Menschen. Er ist dort wo wir sind: in der Dunkelheit, im Zwiespalt, in der Verzweiflung und Gottverlassenheit.
Deshalb können wir nicht anders als diesen Gekreuzigten bekennen, wie Paulus es schon 30 Jahre vor Markus tat: 1. Kor 23f: Wir predigen Christus den Gekreuzigten: Den Juden ein Skandal, den Griechen eine Torheit: denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Zum Schluß: Jesus hat den Essig abgelehnt, den ihm einer anbot. Einige Ausleger meinen, das Wort Essig könnte auch einfach minderwertigen Wein bezeichnen. Den hat man manchmal aus Erbarmen den Todeskandidaten gereicht zur Betäubung.
Jesus hat den Wein der Betäubung abgelehnt. Aber er lädt uns ein den Wein des Abendmahls aus seiner Hand zu empfangen. Denn sooft wir von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken verkünden wir den Tod unseres Herrn bis er kommt.

Amen

Pfr. Mathias Rissi

 

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