9. September 2012   Matthäus 21,28-31   -  Pfr. Mathias Rissi

Mißratene Kinder?

Was meint ihr? Es hatte einer zwei Söhne; und er ging zum ersten und sagte: Geh, mein Sohn, und arbeite heute im Weinberg!  Der aber entgegnete: Ich will nicht; später aber reute es ihn, und er ging hin. Da ging er zum anderen und sagte dasselbe. Der entgegnete: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste! Da sagt Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen kommen vor euch ins Reich Gottes. Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt, die Zöllner und Dirnen aber haben ihm geglaubt. Ihr aber, die ihr das gesehen habt, habt euch auch hinterher nicht eines Besseren besonnen und ihm geglaubt.                                                              Matthäus 21,28-32

Liebe Gemeinde

Ist doch etwas, wie mit dem Euro – Sollen die reicheren Staaten von den bankrotten Staatsanleihen kaufen oder nicht… Nein. Ja, Vielleicht, sicher nicht  - täglich ändern sich die Parolen und schließlich wird es doch gemacht.

Nun ja, von unseren Kindern kenne ich eher die umgekehrte Version. »Du hast spätnachts noch was gekocht, die Spuren in der Küche sind noch sichtbar« – »O ja, ich machs gleich….«    ach, ersparen sie mir die Fortsetzung.

Ich kann solches Verhalten gar nicht leiden. Natürlich weiß ich, daß sie mit mir kämpfen müssen und reifen müssen mit ihrem Nein, um zu einem erwachsenen Ja und Nein zu gelangen. Und dennoch kann ich bockigen Gehorsam und geheuchelte Willigkeit bei Jugendlichen nicht leiden. Genau sowenig sagt mir jene moderne dritte Möglichkeit zu: das Jein-Sagen und Jein-Tun.

Worauf zielt Jesus mit dem Gleichnis? Geht es ihm einfach um eine Frage der Ethik, eines konsequenten christlichen Verhaltens? Oder geht es am Ende um das Verhältnis von altem und neuem Gottesvolk, Juden und Christen? Indizien dafür wären die Begriffe: Weinberg, Zöllner und Dirnen. Ich möchte dies der Vollständigkeit halber hier erwähnt haben, bevor wir uns miteinander in ganz direkter Weise vom Gleichnis ansprechen lassen.

Jesus liebt diese Frage: «Was meint ihr?» Er stellt sie des öftern. «Wer von den zweien hat den Willen des Vaters getan?» - Musterknabe ist keiner von den beiden.
Vor allem der Ja-Sager und Nein-Täter macht mir zu schaffen. Ist das nicht ein Skandal? Eine glatte Lüge! Vielleicht hat er im guten Vorsatz so gehandelt und sein Versprechen war ernstgemeint. Er ist jedoch im Stadium deS Versprechens versandet. Er hat Vertrauen und Hoffnung enttäuscht. Dabei hat er sich noch so dienstfertig und unterwürfig geäußert. «Ja, Herr!» Im Griechischen Text ist das noch deutlicher: Ego, Kyrie! – «Ich, Herr» – als wolle er sagen, wer denn sonst! Und dieses Herr! Solche Ehre erbieten mir meine Kinder jedenfalls nicht, (möchte ich ja auch nicht). Trotzdem will ich ihm nicht bösen Willen unterschieben. Er wird wohl kein durchtriebener Heuchler gewesen sein. Nur sind die Folgen seines Tuns fatal.

Machen wir uns nichts vor: Es geht bei der christlichen Nachfolge nicht um einen netten Spaziergang in den Weinberg, um dort ein paar Blätter einzusammeln, sondern es geht um schweißtreibende Arbeit und Einsatz voller Hingebung. Es geht nicht nur um allgemeine Zustimmung zur Nächstenliebe - wer wäre schon dagegen? - Es geht um die liebende Tat.
Wen würde solches Verhalten nicht ärgern? Das begegnet uns auch heute: Wie viele bekunden ihr Mitleid mit den Armen – und wieviel Hilfe fließt ihnen tatsächlich zu?
Wie viele geben sich sensibilisiert für die Umwelt im Wissen um die Grenzen von Wachstum und Ressourcen – und gleichwohl steigern sie von Jahr zu Jahr den Strom- und Benzinverbrauch.
Lauthals wird protestiert gegen Globalisierung, Ungerechtigkeit und Hunger – aber beim Einkauf wird nicht konsequent auf fair gehandelte Waren geachtet.
So sind viele enttäuscht von Söhnen oder Töchtern, Ehepartnern, Freunden, Mitarbeitern, auch von sogenannten Namen- und Gewohnheitschristen

Und nun zum andern Sohn, dem Nein-Sager und Ja-Täter. Er ist der «Spätzünder». Immerhin geht er schließlich arbeiten.
Er hat es nicht eilig: Er schmeichelt keinem Herrn. Er sagt schlicht: Ich will nicht. Später wird ihm aufgehen, wie dieses Nein für den Vater schmerzhaft ist. Er bereut es, revidiert seine Ansicht und widerlegt sein Reden durch sein Tun. Halten wir fest: Für die damaligen Zuhörer Jesu ist er zwar der bessere, aber auch er hat versagt, denn er hätte dem Vater den Gehorsam von Anfang an geschuldet.

Wir kennen Beispiele von solchen Nein-Sagern und Ja-Tätern bei andern: Bei Jesus sind es Zöllner und Dirnen oder Samaritaner (Lukas 10,30ff oder Joh 4) und Römer (Matth 8,5).
Wer ist es heute? Daß Menschen erst Nein sagen und dann gescheiter werden, das kommt ja auch in der Schweiz vor. Die Zahl der EU-Anhänger ist nochmals geschrumpft, aber dass das Nein zum EWR im Jahr 1992 ein Fehler gewesen sein könnte, dämmert heute recht vielen. Hinterher ist man natürlich immer gescheiter.

Halt, spätestens hier müssen wir erschrecken: diese zwei Söhne – Dazu gehörst ja auch du! Jesus redet von dir! Wir sind Doppelgänger beider Söhne:
Wir sagen Ja, setzen Prioritäten und handeln dann nicht entsprechend. Haben wir Angst, Profil zu zeigen? Lähmt uns die Bequemlichkeit, der Wunsch «den Frieden zu haben», daß wir schließlich Nein-Täter werden, obwohl wir Ja gesagt haben?
Oder im umgekehrten Fall: Wir sagen Nein! und möchten so handeln, fallen aber um, z.B. im Umgang mit Jugendlichen. Dabei wäre das klare erste Nein oft die barmherzigste Antwort. Aber wir geben nach. Ist es mangelnder Mut, falsch verstandene Liebe?

Gibt es einen Ausweg? Was geschieht mit unserem Traum vom ganzheitlichen Leben, von der Einheit von lebenswürdigem Glauben und glaubwürdigem Leben.

Gibt es noch eine Hoffnung für uns? – Gott sei Dank, gibt es da im Gleichnis noch einen Sohn des Vaters. Er ist etwas verborgen, dieser dritte Sohn, der Erzähler: Er sagt Ja und tut es auch. Er sagt Nein und handelt so: Jesus Christus – er ist der glaubwürdige Zeuge für die Liebe und Hingabe Gottes. Bei ihm stimmen Ja-Sagen und -Tun und Nein-Sagen und -Tun so radikal überein, daß sich an ihm die Geister scheiden, daß am Verhältnis zu ihm über Heil und Unheil entschieden wird.
Er hilft dir und mir, die Spannung zwischen Ja und Nein, die Spannung zwischen meinem Wollen und Gottes Willen auszuhalten. Er sagt konsequent Nein zu allen meinen Versuchen mich herauszuwinden. Aber bei ihm muß ich das auch gar nicht, weil er vorbehaltlos zu mir Ja gesagt hat.

Wir haben heute eine Taufe gefeiert. Das erinnert an die Taufe, die die meisten von uns am Anfang unseres Lebens stattfand. Da hat Gott ein JA zu uns gesagt, das jeden Tag  volle und ganze Gültigkeit hat. Das macht es mir leichter, meine Verhärtungen, Tarnungen und Dogmen loszulassen. Sein Ja bringt uns auf den Weg zu eindeutigerer Klarheit, zu stärkerer Entschiedenheit, zu einem Ja-Sagen oder Nein-Sagen, dem unser Leben auch entspricht.

Amen

Pfr. Mathias Rissi

 

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Evang.-ref. Kirchgemeinde Niederweningen