Schneisingen, 3. Adventssonntag, 16.12.2012
Römer 13,8 und 10-14 - Predigt Pfr. Mathias Rissi

Das Ende der Nacht
Bleibt niemandem etwas schuldig, ausser dass ihr einander liebt. Denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.
Und dies tut im Wissen, dass die Stunde geschlagen hat: Es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen.
Die Nacht ist vorgerückt, bald wird es Tag. Lasst uns also ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichts!
Wir wollen unser Leben führen, wie es sich für den Tag geziemt, nicht mit Ess- und Trinkgelagen, nicht mit Orgien und Ausschweifungen, nicht mit Streit und Hader.
Zieht vielmehr den Herrn Jesus Christus an und tut nicht, was dem Fleisch genehm ist, damit ihr nicht seinem Begehren verfallt.
Römer 13, 8;10-14

Liebe Gemeinde

Ein Adventsabend - wir sitzen in der warmen Stube. Die 'Finken' geben den Füßen schön warm. Wir schmökern noch etwas in der Zeitung. Der Plattenspieler bringt unsere Lieblingsmusik. Etwas zum Knabbern und zum Trinken ist auch dabei. Herrlich, solch ein Winterabend! Zwar lag gestern eine Todesanzeige im Briefkasten. Aber ich habe eine Beileidskarte geschrieben. Zwar mußte letzte Woche der Arzt konsultiert werden. Aber es geht ja schon wieder etwas besser. Zwar wurde letzthin einem Bekannten gekündigt. Arbeitslosigkeit ist wirklich hart. Aber zum Glück ist es bei uns nicht so schlimm wie in andern Ländern, wo die Arbeitslosen "nackt" stehen gelassen werden.
Es ist schon so, wir leben eben in einer unvollkommenen Zeit. Die Zeit bringt dies und das. Aber man hält es aus. Und zum Glück gibt es Kerzen, Advent, Weihnacht. Wenn dann noch das erste Mailänderli mit seinem köstlich-raffinierten Geschmack den Gaumen verwöhnt, dann ist das Glück beinahe vollkommen. - Nicht wahr, unsere Welt wäre arm, wir hätten Advent und Weihnachten nicht.

Nun haben wir ein Pauluswort vor uns. Und das sagt: Halt, genau das ist Advent nicht. Dann hätten wir die Zeit nicht erkannt! Diese Zeit, die vergeht, mit allen ihren Möglichkeiten nennt das Griechische cronoV, die Zeit welche man messen kann, diese Zeit, die uns so gerne wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt.
Paulus verwendet aber ein anderes Wort,
kairoV, welches die Zeit in einem ganz anderen Sinne meint: Die Gelegenheit, der Zeitpunkt, den es wahrzunehmen gilt. Und da zählt dann nur das eine, daß wir uns auf diesen Zeitpunkt ausrichten. Dem lateinischen Adventus entspricht im tiefsten Sinne des Wortes Zukunft solches Zeitverständnis.

Diese Unterscheidung ist keine Haarspalterei. - Sie ist ganz wichtig! In den letzten Tagen sind mir einige Menschen begegnet, die Mühe hatten durchzukommen. Menschen z.B. die unter Einsamkeit litten, oder bei denen Probleme auf einmal aufgebrochen sind.

Und da gibt es nur eine Antwort: Ihr erkennt die Zeit! Es ist noch Nacht, aber die Nacht geht zu Ende. Die Rettung, das Heil ist nahe, und das Licht der Dämmerung jetzt schon wahrnehmbar. - Diese Worte haben ganz gewiß einen endzeitlichen Klang. Wer sie sagt, weiß um den Anbruch des Gottestages, der Licht und Heil bringt. Aber wo und wann ist dieses Licht und diese Liebe sichtbar, bzw. zu erahnen?
Advent, Ankunft Gottes, weist nicht nur auf Gottes endgültiges Kommen am Ende unserer Zeit hin, sondern zunächst zurück auf sein Kommen vor 2000 Jahren. Die erste Weihnacht ist ein ganz entscheidender Tag. Das Licht des kommenden Tages geht vom Kind in der Krippe aus. Dieser kommende Tag Gottes wird endgültige Zuwendung zu seiner Welt, zu uns bringen. Seine Liebe ist das Licht, das alle Dunkelheit vertreiben wird. Aber das Heil ist schon gekommen, Jesus Christus, und ist jetzt schon die Mitte unseres Lebens, die Mitte der Welt.

Ihr erkennt die Zeit, daß die Stunde da ist, vom Schlaf aufzustehen. Der Tag ist näher! Wollt ihr etwa weiterschlafen? - Werdet wach ! Die Nacht geht zu Ende, die Rettung, das Heil nahe, Licht jetzt schon wahrnehmbar.
Paulus will uns ganz eindringlich mahnen, daß wir wirklich erwachen. Wer weiß, was die Stunde geschlagen hat, erwacht aus der sogenannt realen Welt, und erkennt sie als eigentliche Traum-, ja Albtraumwelt. Real, wirklich, ist Gottes Welt, die Welt, die Jesus Christus erlöst hat. - So erwacht und rechnet schon vor dem Anbruch des hellen Tages mit dem Neuanfang. Stellt euch darauf ein!

Und doch bleibt ein etwas mulmiges Gefühl zurück. Denn gerade die Schwärmer sagen das ja auch, und erst noch viel lauter als wir. Und die Fanatiker schlagen ihren Profit daraus; je mehr wir sie gewähren lassen, desto schamloser treiben sie ihr Geschäft, z.B. Mayakalender. - Ach es ist sehr einfach, sie zu belächeln und damit gleich auch allem apokalyptischen Denken auszuweichen oder abzusagen.
Aber Hand aufs Herz, meinen Sie, daß es mit dieser Welt und uns Menschen einfach immer weitergehe? Als Kind hörte ich davon, daß die Sonne in einigen Millionen Jahren zur alles versengenden Supernova werde. Heute kann ich mir wesentlich kürzere Zeiträume und andere Ursachen für einen solchen Weltenbrand vorstellen.

Auch an uns schreibt Paulus: Ihr erkennt die Zeit.... Aber er meint nicht, daß wir eine schwärmerische Lust am Untergang der bösen Welt haben sollten, und Freude darüber, zu den Geretteten zu zählen. Er legt uns die Liebe ans Herz. Paulus sagt: Steht auf!  - Schlafen ist Rückfall in eine vorchristliche Lebensweise.

Und er braucht jetzt ein zweites köstliches Bild: Es ist klar, daß man nicht im Pyjama den Tag bestehen kann: Zieht den Herrn Jesus Christus an.
Unweigerlich muß ich an Joh. 3,16 denken: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Christus hat diese Welt geliebt. Die Welt mit ihren Menschenschindern und Umweltsündern, mit ihren organisierten Verbrechern und mit den schlafwandelnden Gläubigen. Ihr gilt Gottes Liebe. - Dann wollen wir das auch so halten, und zwar ganz beharrlich.
Und wir machen nicht gemeine Sache mit den Schwelgern und Prassern, die Angst haben müssen etwas zu verpassen, weil sie die Zeit nicht verstehen. Und wir nehmen nicht Anteil an der Dekadenz dieser Zeit - aber halt, wir wollen auch aufpassen, daß wir nicht Moralapostel werden. Zu oft sind diese Worte dazu mißbraucht worden. Dabei ist so klar, daß wir nicht mitmachen, wo Gottes Gaben ins Gegenteil verkehrt werden. Nicht Moralapostel sondern Apostel für Christus wollen wir sein. Es versteht sich von selbst, daß da nicht alles zeitgemäß ist! Wenn Gottfried Keller schon meinte: "Kleider machen Leute", dann trifft das auch mit dem Pauluswort ins Schwarze.

So leben wir in der Erwartung des Kommenden. Ganz den Herausforderungen der Gegenwart verpflichtet. Auch wenn wir anders, als die großen Weltuntergangspropheten nicht sagen können wann und wie: wir halten uns daran: Jesus Christus kommt. Die Zeit zur Wiederkunft wird immer dünner! - Es ist wohl ähnlich wie bei einem Tunnelbau. Von beiden Seiten her wird gearbeitet und der Stollen vorangetrieben. Wir stehen hier. Von der andern Seite her ist Gott am Werk. Und der Moment des Durchstiches kommt immer näher.

Das Vertrauen darauf setzt neue Möglichkeiten frei. Wir leben im Advent, in einer Welt, in die Gott gekommen ist, und in einer Welt, die noch ganz anders Gottes Welt werden soll. Die Liebe wird helfen Zeichen der Hoffnung zu setzen und tatkräftig im Kampf gegen Aussichtslosigkeit, gegen Verbrauchen und Verschleißen von Menschen und Dingen zu sein.

Wir vergaßen nicht: wir sind zwar ein Stück dieser Welt. Aber wir halten unerschütterlich fest: Das Wort ward Fleisch (Joh 1,14). Christus ist da, heute und morgen. In der Welt und in uns. Jetzt schon und einmal ganz.

Amen

Pfr. Mathias Rissi

 

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Evang.-ref. Kirchgemeinde Niederweningen