Gott und das Leid  -  Tsunami und Gott Römer 8,31  8,38-39

 

Ufwindpredigt, 15. Januar 2005, in der Evang.-ref. Kirche Meilen
Pfr. Mathias Rissi, Meilen   Gen 1,26-28

Was sollen wir sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?  …Wer will uns scheiden von der Liebe Jesu Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Schwert? …Ich bin dessen gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,  noch Kräfte, weder Hohes noch Tiefes, noch irgendein andres Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.                                                                        Römer 8  31,35,38-39 

Liebe Gemeinde

 

Gott ist in jedem Fall für uns! – Dieses Bibelwort müßte eigentlich den stärksten Riesen «umhauen», so gewaltig ist es. Mit Goethe sind wir versucht zu sagen: Paulus, «du spricht ein großes Wort gelassen aus!» Es ist ein ungeheuer starkes Wort und es steht so ganz im Kontrast zu den Bildern und Gedanken, welche uns zum Jahreswechsel aufgezwungen wurden: Bilder von Schrecken, Leid und Not sind mit dem Fernseher in die gemütlichen Wohnstuben eingedrungen und haben viele Menschen umgetrieben

 

Seit die Menschen Menschen sind, leiden sie eben bewußt. Sie sehen sich durch das Leiden in Frage gestellt. Wir beginnen Fragen zu stellen. Warum? Wozu? Wie nur? Und da schwingt immer auch die Frage nach Gott mit: Wie steht es um Gott in solch zahllosem Elend?

 

Da feiern wir auf der einen Seite Erfolge der menschlichen Genialität: In diesem Augenblick umkreist ein von Menschenhand gemachter Himmelskörper den Saturnmond Titan und sendet Bilder davon zur Erde! Ist das nicht unglaublich?!

Auf der andern Seite erfahren wir uns als absolut in Frage gestellt: die Bilder vom Seebeben und vom hunderttausendfachen Tod verfolgen uns. Was sollen wir sagen? Woran können wir uns halten?

 

Ein einheimischer Mann an einem Touristenstrand sagte: «Hier haben sich unsere Mädchen mit den fremden Männern herumgetrieben. Die Welle ist eine Strafe Gottes!» - Es ist verständlich, daß Menschen im Elend eine göttliche Strafe erkennen. Der Gedanke liegt nahe, denn Gott hätte immer wieder genug Grund zu strafen. Und so gesehen könnte man sich wenigstens dreinschicken. Die Katastrophe wäre immerhin von Gott verordnet.

Es ist verständlich so zu denken, aber es ist falsch. Dieses Denken ist ein Kurzschluß: Denn hinter Gottes Erwartungen sind wir alle zurück geblieben. Wie wollen wir dann erklären, weshalb er die einen verschont und die andern straft?

 

Der religiöse Mensch hat sich seit je her auch andere Gedanken gemacht:

Beim Propheten Amos finden wir die Aussage: Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut? (Am 3,6) Amos traut sich, auch das Unglück Gott zuzuordnen und nicht weiter zu fragen.

Oder der bekannte Leidende, Hiob. Über ihn lesen wir: (Hi 2,9f)  Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb! - Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

Er weist seine Freunde in Schranken, die vermutet haben, irgendwo müsse doch eine Untat, eine Schuld in Hiobs Leben zu finden sein, welche Gott nun bestrafe. Er bestreitet das und hält fest, daß wir Menschen kein Recht haben, von Gott Rechenschaft zu verlangen. Unendlich ist eben der Unterschied zwischen dem Herrn des Universums und dem Geschöpf Mensch.

Gott ist zu jenseitig. Er ist nicht befragbar. Aber er steht wenigstens dahinter. Das ist ein Trost. Kein großer zwar, aber immerhin. Die einen mögen solchen Glauben nur als einen Strohhalm ansehen, aber wer den nicht hat, hat gar nichts.

Das sind die Antworten, die der natürliche Mensch geben kann, der sich philosophierend oder ehrfürchtig der großen Frage nach Gott und dem Leid annähert. Der Mensch, der bei seinen eigenen Ressourcen sucht, kann eben nicht weiter kommen.

 

Auch Paulus beginnt mit: «Was sollen wir sagen?» - aber er tut es aus anderem Grund: ihm stockt der Atem: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?  

Gott ist sozusagen ein Fan, ein Fan von uns Menschen. Ein menschlicher Fan glaubt an sein Idol, z.B. an seinen Eishockeyclub. Er geht durch dick und dünn für seine Mannschaft (– wenigstens solange er es aushält, wenn sie eine Niederlage nach der andern kassiert). Mit Paulus könnten wir genau so sagen: Gott ist ein Menschenfan. Nun ist es aber gewiß wahr: Gott ist nicht nur Fan nach menschlichem Vorbild, sondern weit darüber hinaus. Denn ich bin dessen gewiß, daß weder Tod noch Leben … uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes. Paulus erinnert uns daran,  daß Gott sich so des Menschen und seines Leidens und seiner Fragen, ja seines ganzen Lebens angenommen hat, daß er selber Mensch wurde. In Jesus Christus hat Gott sich das Menschsein mit allen Facetten zu eigen gemacht – mitsamt dem Leiden und der verzweifelten Frage 'Warum?'. Er will es nicht hinnehmen, wie Hiob oder Amos. Er hat es durchgekämpft.

 

Wir wissen: Noch gehört es zur Schöpfung. Und wir können uns das Leben anders gar nicht vorstellen. Aber wir sind nicht verloren darin, sondern begleitet. Auch dann kann es immer noch ganz schwer werden. Ein weitverbreitetes Gedicht[1] sagt:

«Eines Nachts träumte ich: Ich ging mit Jesus den Strand entlang.

Viele Szenen aus meinem Leben huschten über Himmel. In jeder erkannte ich Fußspuren im Sand; manchmal zwei Paar, manchmal nur eins.

Das plagte mich, weil ich gerade in jenen schweren Zeiten, wenn ich leiden mußte, wenn ich Angst, Sorge und Hoffnungslosigkeit litt, nur ein Paar Fußspuren sah.

So sagte ich zu Jesus: 'Du hast mir versprochen, wenn ich dir nachfolgte, würdest du allezeit mit mir gehen. Aber nun erkannte ich in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Fußspur. Warum nur warst du nicht da, wenn ich dich am nötigsten brauchte?'

Jesus antwortet: 'In jenen Zeiten, wo du nur eine Fußspur siehst, mein Kind, da habe ich dich getragen.'»

Wir alle wissen, daß dies nicht leicht ist, zumal wenn Krankheit, Tod oder Streit uns beschweren. Genau da soll es gelten: Der Christus ist schon da und er trägt uns durch. Was gibt es größeres und tröstlicheres zu sagen. Ungezählten Menschen hat das in ihren Schicksalsschlägen Mut, Geduld und Kraft verliehen.

Das ist aber erst das eine.  Denn wir müssen uns nicht einfach ins Leiden ergeben. Paulus spricht auch vom andern: von der Auferstehung. Christi Auferstehung macht uns Mut, uns gegen das Leid ebenfalls aufzulehnen, und es nicht einfach hinzunehmen.

Ist es nicht schön, wie auf die Welle der Zerstörung in Südostasien eine Welle der Solidarität folgte. (Es stört mich zwar ein wenig, wie diese Wohltätigkeit an die große Glocke gehängt werden muß und die Firmen sich geradezu überbieten. Man vergißt dabei gerne, wie die treuen Gemeindeglieder mit ihren sonntäglichen Kollekten rasch einmal eine mindestens ebenso große Hilfe leisten, wie jemand, der einmal im Jahr bei einer Katastrophe etwas spendet). Diese Welle der Solidarität und Hilfe – sie hat etwas Christusförmiges. Sie geht wie Gottes Liebe in Christus den Menschen ins Leid nach. Sie leidet mit und will Licht ins Dunkel bringen. Weil wir eben von der Liebe berührt sind, leiden wir mit.

Die Auferstehung Christi –  wir sollen sie nicht erklären oder verstehen, sondern glauben. Denn sie ist die Quelle der Zuversicht, die den Rahmen der leidenden Schöpfung sprengt. Das macht uns gelassen und heiter und macht Mut, daß Gott alle Tränen abwischen und auch für uns das Leid und den Tod überwinden wird.

Nach der Predigt werden wir es mit dem Lied [2] singen:

Das ist ein wundersam Geschehn,
wie Christus kann befreien.

Es mag durch Tod und Hölle gehn,
im Herzen drin in Maien

Der Maien einer neuen Welt:
Christus ist unser Leben.

Er hat, ob Erd und Himmel fällt,
uns ewgen Grund gegeben.

Amen

Pfr. Mathias Rissi

[1] Herkunft unsicher:
Vermutlich ist Mary Stevenson die Autorin. Sie hat es 1939 verfaßt: «Footprints in the sand».
Margaret Fishback Powers schrieb es 1964 unter dem Titel «I had a dream» und publizierte es erfolgreich in einem Buch.

[2] Adolf Maurer, RG 679 3

Pfr. Mathias Rissi

 

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